Akute Bergkrankheit (AMS)

AMS auch nach Abstieg

Veröffentlicht am 19. Januar 2016

Ich habe immer wieder Kopfschmerzen nach (Tages-)Touren im Alpenraum. Die Kopfschmerzen sind ganz typisch und beginnen über den Hinterkopf während des Tages / der Tour und werden gegen den späteren Nachmittag und Abend kontinuierlich stärker - teils sehr intensiv und Schmerzmittel helfen nur bedingt (sehr gute Ergebnisse wurden meist mit Voltaren Dolo Forte erzielt - Asprin scheint wirkungslos). Interessanterweise treten diese Symptome z.B. auch bei Übernachtungen in wenigen extremen Lagen (z.B. Leglerhütte auf rund 2200m) auf. Oft sind selbe Symptome auch anzutreffen bei Tagestouren - auch wenn am gleichen Tag wieder ins Tal abgestiegen wird. Wäre sowas als AMS einzustufen / eine Möglichkeit? Wie könnte dies ermittelt werden bzw. welche möglichen Ursachen sehen sie alternativ?

Antwort der Redaktion

Sie beschreiben Kopfschmerzen bei Hochgebirgstouren, welche auch knapp unter 2500m auftreten. Bis zum Beweis des Gegenteiles sollten Sie hier trotzdem von einer AMS ausgehen. Pathophysiologische Veränderungen halten sich selten exakt an die vorgegebenen Schemata. Außerdem sind die höhenbedingten Veränderungen auch abhängig vom jeweiligen Breitengrad. Je weiter Sie sich vom Äquator weg und zu den Polen hin bewegen, desto dünner wird die Troposphäre, welche den überwiegenden Anteil der Luft unserer Atmosphäre enthält. Am Äquator ist die Troposphäre ca. 18 km dick und an den Polen jahrzeitabhängig zwischen 6 und 8 km. In der Schweiz befinden Sie sich zwischen dem 46. und 48. nördlichen Breitengrad und haben es daher mit deutlich dünnerer Luft zu tun als auf gleicher Höhe in Äquatornähe.

Dass Ihre Symptome bei Tagestouren auftreten, ist nichts Ungewöhnliches, da man sich bei Kurztrips selten an die Akklimatisationstaktik hält.

Zur AMS zählt als Leitsymptom der Kopfschmerz. Häufig kommen auch Übelkeit / Erbrechen und Appetitlosigkeit, beeinträchtigtes Allgemeinbefinden, Schwindel, Schlafstörungen und periphere Ödeme hinzu. Von AMS sprechen wir, wenn mindestens 2 dieser Symptome vorliegen. Die Beschwerden können Stunden bis Tage nach Aufstieg oder Auffahrt und bereits ab ca. 2000 Höhenmetern auftreten. Zwischen 20 und 40% der Bergsteiger im Alpenraum leiden an der AMS ohne sich dessen bewusst zu werden. Die Symptome werden meist einer vermehrten Erschöpfung, der starken Sonneneinstrahlung oder einer gewissen Wetter- oder Höhenfühligkeit zugeschrieben. Als mögliche Ursache kommt natürlich auch der Wasser- und Elektrolytverlust in der Höhe in Betracht.

Nachricht an Hoehenmedizin.org

Erstmals besten Dank für Ihr ausführliches Feedback. Gibt es neben den Symptomen (wie beschrieben) andere Indikatoren, welche auf ein AMS schließen würden? Kann z.B. durch Messung der O2-Sättigung im Blut oder aber eine Blutanalyse im Labor genauere Details liefern?

Ich hatte die Symptome auch schon bei Touren unter 1600hm – was mir doch enorm tief scheint für eine AMS. Stellt sich halt auch die Frage, ob der Körper auf verschiedene Probleme (Elektrolytverlust, Höhe, etc.) ähnlich reagiert. Gibt es z.B. nach Ihrer Erfahrung eine Möglichkeit einen Elektrolytverlust als Ursache auszuschliessen?

Ich suche seit einigen Monaten nach Möglichkeiten um gewisse «Probleme» ausschließen zu können – bis anhin fehlen mir aber die «eindeutigen Indikatoren». Gibt es allenfalls auch die Möglichkeit zusammen mit einem Med-Spezialisten aus dem Gebiet zu versuchen das Problem weiter einzugrenzen oder aber erachten Sie das als eher unwahrscheinlich / wenig erfolgsversprechend? Was würden Sie an nächsten Schritten raten?

Antwort der Redaktion

zunächst wünsche ich Ihnen ein erfolgreiches und unfallfreies Berg-Jahr 2016.

Da der niedrige Umgebungsdruck und damit der geringe Sauerstoffpartialdruck der direkte Auslöser für jegliche Pathophysiologie von AMS, HAPE und HACE ist, ist natürlich auch eine geringe Sauerstoffsättigung im Blut vorzufinden. Auf den Ausbildungskursen und Expeditionen höhenmedizinischer Gesellschaften werden daher immer Pulsoxymeter mitgenommen und die Resultate aufgezeichnet. Im Anhang finden Sie eine Publikation von Urs Hefti und mir, in welcher Sie die sinkende Sauerstoffsättigung und den Anstieg der AMS-Rate gegeneinander aufgetragen finden: Schöll E, Hefti U. Höhenmedizinkurs im Expeditionsstil 2012. SportOrthoTrauma 2012; 28, 208-213

Die Symptome der AMS sind natürlich sehr unspezifisch für eine konkrete Erkrankung, so dass sie z.B. auch das Resultat einer Virusinfektion sein könnten. Solche Differentialdiagnosen stellen gewissenhafte Mediziner immer und schließen dann eine nach der anderen aus. Was am Ende übrig bleibt, wird behandelt. Wenn Sie bei sportlicher Betätigung Ihren Elektrolythaushalt durcheinanderbringen, versucht Ihr Körper das natürlich zu kompensieren. Noch vor einigen Jahrzehnten hatte die Menschheit noch keine Iso-Mixgetränke und Sportler haben trotzdem überlebt. Aber natürlich wird z.B. ein rascher und gravierender Natriumverlust zu schwerwiegenden neurologischen Problemen führen, ebenso wie eine Dehydratation. Und Sie haben Recht: 1600m sind für eine AMS unwahrscheinlich, möglicherweise hatten Sie da andere gesundheitliche Probleme. Ihr Hausarzt kann Ihnen da sicher weiterhelfen. Diesen würde ich aufsuchen, um diese „gewissen Probleme“, von denen Sie schreiben, einzugrenzen.

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